Felix Philipp Ingold: LyrikText

Felix Philipp Ingold:
Nach Mähren und anderswohin

Randgänge mit dem Dichter JanSkácelJan Skácel

Zwanzig Jahre sind seit Jan Skácels Tod vergangen und noch einmal zwanzig Jahre seit meiner ersten Begegnung mit ihm.

Es war im Spätherbst 1969, als wir in Kunštát na Moravĕ aus Anlass eines privaten Symposions zum 40. Todestag des Dichters František Halas, zu dem Ludvík Kundera mich eingeladen hatte, miteinander bekannt wurden. Ein finsterer Herbst, der den vorzeitig abgebrochnen Prager Frühling mit der nun einsetzenden repressiven „Normalisierung“ kurzschloss zu einer höchst widersprüchlichen saisonalen Übergangszeit. In meinen damaligen Aufzeichnungen charakterisierte ich diese Saison als „Märzember“, als eine Jahreszeit eben, in der Herbst und Frühling wie Wasser und Feuer ungut sich verquickten.

Zum Symposion waren Dichter und Kritiker aus weitem Umkreis angereist, unter ihnen Jindřich Chalupecký und Jiřina Hauková, Zdenĕk Rotrekl und Jan Tomeš, Adolf Kroupa, Bohuslav Rejnek und Josef Suchý, und es gab auch – jeder wusste es – den obligaten Spitzel in der Runde, der unser Tun und Lassen beobachten, über die Vorträge und Lesungen geheimdienstlich berichten sollte. Provokante oder gar aufrührerische Wortmeldungen gab es nicht, im Mittelpunkt standen die Person und das Werk von František Halas, auf dessen Grab im örtlichen Friedhof Jan Skácel zum Abschluss der zweitägigen Veranstaltung – einer spontanen Regung folgend – bei strömendem Regen eine kurze Gedenkrede hielt.

Die Rede war weit mehr als eine Huldigung an Halas, sie geriet ihm, über den Anlass hinausweisend, zu einer dezidierten Grundsatzerklärung zum damaligen Stand der Dinge, erwies sich als eine leise, dennoch eindringliche Situationsbestimmung, in der Tadel und Trauer und Trost auf völlig unpathetische Weise sich verbanden – sich so überzeugend verbanden, dass die wenigen Anwesenden unter ihren Regenschirmen noch enger zusammenrückten und sich danach in schweigendem Einverständnis verabschieden konnten.

Ich hielt mich in jenem Herbst als Stipendiat des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbands in der ČSSR auf, war im Mai in Prag eingetroffen, lebte seit September in Brünn und hatte ein paar weitere Monate in Prag vor mir, die ich dort als letzter ausländischer Gast des „alten“ Verbands noch absolvieren würde. Die Bekanntschaft, dann die Freundschaft mit Jan Skácel – von gemeinsamen Bekannten bald Honza, bald SK genannt – blieb während ihrer zwanzigjährigen Dauer auf seine engere Heimat beschränkt, auf Brünn, die Vysočina und das südlichste Mähren. Hier trafen wir einander Dutzende von Malen, zumeist auf weitläufigen Spaziergängen ausserhalb der Stadt, seltener bei ihm zu Hause, genauer: in seiner Küche, die gleichzeitig sein Schreib- und Lesezimmerchen war und wo Bücher, Geschirr, Zeitungen, Weinflaschen, Briefe, Fotos – alles eingenebelt von wogendem Zigarettenrauch – chaotisch koexistierten.

Oft war bei unsern Küchengesprächen von Literatur und Literaten die Rede, von Skácels klassischen Lieblingsautoren – Erben, Bezruč, Nĕmcová – und von Autoren der russischen Moderne, die er – so Assejew, Zwetajewa, Bagrizkij – besonders schätzte. Hier gab er mir auch Einblick in seine eigene Schreibarbeit, zeigte mir sein poetisches Notizbuch, explizierte seine übersetzerischen oder herausgeberischen Projekte, wohl wissend, dass es unter den Bedingungen der „Normalisierung“ für deren Publikation keine Aussicht gab.

Unser hauptsächliches Ausflugsziel war während Jahren Mikulov (Nikolsburg), ein Weinbauerndorf unweit der österreichischen Grenze, bekannt für seinen exzellenten Müller-Thurgau, bekannt auch für seinen alten jüdischen Friedhof. Hingefahren sind wir jeweils ohne besondere Absicht, bloss im Bedürfnis, dort ein Gasthaus aufzusuchen, weiterzureden, spazieren zu gehn. Beide haben wir uns durch Mikulov, vorab durch den Friedhof zu gelegentlichen lyrischen Abschweifungen anregen lassen – von ihm wie von mir gibt es als Beleg dafür zwei-drei Gedichte.

Gern erinnere ich mich an einen gemeinsamen Abstecher nach Bratislava, wo wir zu Ehren des Dichters Dominik Tatarka in Gesellschaft zahlreicher andrer Autoren eine ziemlich trunkene Nacht verbrachten, deren Ausgang mir aus leicht nachvollziehbaren Gründen nicht mehr erinnerlich ist; erinnerlich ist mir einzig die Rückfahrt nach Brünn mit einem schlafenden und schnarchenden Dichter als Beifahrer.

Unvergesslich bleibt demgegenüber eine Tagestour nach Lednice, das einst unter dem Namen Eisgrub zu den Besitzungen der Fürsten zu Liechtenstein gehörte und dessen Zentrum auch damals noch, 1969, der Stalinplatz (Stalinovo námĕstí) bildete, dessen eine Seite durch die fürstlichen Stallungen des Architekten Fischer von Erlach – herrliche Barockbauten! – begrenzt ist. Während vieler Stunden gingen wir auf und ab, kreuz und quer durch den gross angelegten Park des Anwesens, der in immer wieder neuer Perspektive bald englische, bald französische oder chinesische Landschaften simuliert und der mit verschiedenen Pavillons, mit einer Sternwarte, mit einem kleinen Minarett ausgestattet ist. Hier wie überall schritt Skácel, unentwegt rauchend, mit gesenktem Kopf und regelmässigem Schritt voran, er sprach viel, berichtete über seine Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs im benachbarten Österreich, über seine frühe Arbeit für die kommunistische Presse, über seine literarischen Anfänge, seine Vorbilder, seine schreibenden Kollegen.

Oft fragte ich mich (und ich frage mich weiterhin), wie Jan Skácel zu einem Meister des Landschaftsgedichts werden konnte, da er doch Feld und Wald überhaupt nicht zu beachten schien; da er kaum je den Blick hob, kaum je innehielt, um sich irgendetwas genauer anzusehn. Seine Art zu gehn und im Gehn den Blick zum Boden gesenkt zu halten, machte auf mich den Eindruck, als würde er die Landschaft gleichsam einlesen, um sie später in der Kneipe oder daheim in der Küche in seinem Heft niederzuschreiben.

Aufgefallen ist mir ausserdem, dass Skácel, dessen feiner Humor und subtile Melancholie einen Grossteil seiner Lyrik unverwechselbar imprägniert haben, nie gelacht, auch nie gelächelt hat. Sein schönes, kraftvoll geschnitztes Gesicht war beherrscht von tiefen, fast schwarzen Augen unter ungewöhnlich buschigen Brauen; es liess keine momentanen Regungen erkennen, wirkte insgesamt eher düster, jedenfalls sehr ernst und hellte sich – soweit ich mich erinnere – niemals auf. Skácels zarte Gestalt gewann durch den dominanten, wiewohl fast immer gesenkten Kopf einen gravitätischen, Respekt heischenden Ausdruck.

Ein Gedicht von Jan SkacelNach weiteren Besuchen während der 1970er, 1980er Jahre traf ich im Sommer 1989 anlässlich der Verleihung des Petrarcapreises in Lucca ein letztes Mal mit Jan Skácel zusammen. Dutzende von Menschen – Dichterkollegen, Übersetzer, Kritiker, Verleger – bemühten sich um ihn, befragten ihn, feierten ihn. Nur ein einziges längeres Gespräch konnte ich bei jener Gelegenheit mit ihm in einem Strassencafé führen. Es war ein strikt privates Gespräch. Er berichtete mir von gemeinsamen Freunden, von seiner bedrängenden Wohnsituation, von seinen zunehmenden gesundheitlichen Problemen. Fast ebenso viel wie er sprach, hustete er. Als auf der andern Strassenseite der Dichter Handke schlendernd vorüberging, rief er ihm zu und verschluckte sich dabei, was einen neuen Hustenanfall auslöste. Handke hatte den Ruf wohl überhört und ging, ohne sich umzuwenden, weiter, derweil sich Skácel, noch immer hustend, die nächste Zigarette ansteckte.

Wenige Monate danach, Anfang November 1989, starb er in Brünn. Geblieben sind mir von ihm, ausser den Erinnerungen, viele Briefe und Karten, ein paar Fotos und Manuskripte sowie manch eine gewidmete Erstausgabe seiner Gedichte. – Ich denke, ich hoffe, dass der Kammerton der Gespräche, die wir über die Jahre hin geführt haben, spürbar auch in die Übersetzungen eingegangen ist, die ich nach Skácels Tod in mehreren Zeitschriften- und Buchpublikationen vorgelegt habe. Alles, was dieser Lyriker in Verse gebracht hat, zeugt – mit jedem seiner Worte – davon, dass und wie er „das Leben dem eignen Tod zum Geschenk gemacht hat“.


Felix Philipp Ingold, Romainmôtier, im August 2009

Photo: Jiří Víšek, http://www.radio.cz/de/artikel/125109/pictures/spisovatele/skacel_jan1.jpg#pic

Das Wandbild ist eine Aufnahme von Daniel Baranek und ist zu finden auf http://commons.wikimedia.org